„Normalität“

Predigt zum 3. Ostersonntag (Johannesevangelium 21,1-14)

„Hey Leute… es ist absolut in Ordnung, wenn die Kirche an Ostern leer ist. Damals war das Grab auch leer.“ Mit diesem Spruch wies eine Kirche in Amerika darauf hin, dass dieses Jahr keine Ostergottesdienste stattfanden. Das klingt gelassen und unaufgeregt. Dabei ist die leere Kirche doch genau wie das leere Grab ein Aufreger, eine Zumutung!

Die besten Freundinnen Jesu wollten dem hastig noch vor dem Sabbat beigesetzen Freund dann am übernächsten Morgen mit den vorgesehen Ritualen die letzte Ehre erweisen. So war es vertraut, so war es wichtig für sie. Aber es kam anders. Sie sollten den Lebenden nicht bei den Toten suchen, erfuhren sie vom Engel. Was das heißt, lernen sie dann über lange Zeit. Und wir heute lernen vielleicht auch langsam, was es heißen könnte, dass gerade alles anders ist. Dass so manches leer ist, was wir angeblich unbedingt brauchen.

Damals lernten sie Ostern an einem leeren Grab. Sie haben gar nichts mehr von ihm. Und schon gar keinen Beweis für so etwas wie Ostern.

Damals lernen sie Ostern von Jesus, der auf Distanz bleibt und der Maria aus Magdala sagt: „Fass mich nicht an!“. Der vertraute Freund entzieht sich ihnen.

Damals lernen sie Ostern auf der Flucht nach Emmaus. Es ist zum Davonlaufen.

Damals lernen sie Ostern hinter verschlossenen Türen. Die Angst macht dicht.

Das alles erinnert mich doch sehr an uns heute mit unseren Sicherheitsabständen, der Angst, Ohnmacht, Unsicherheit, Panik. Einmal mehr lerne ich da: Ostern ist nicht Geschichte. Ostern ist jetzt. Jesus lebt jetzt – und ganz anders!

In unserem Stück Evangelium heute, da waren die Freunde ja schließlich in ihre „Normalität“ zurückgekehrt. Sie hatten eine außergewöhnliche Zeit hinter sich mit Jesus: Wunder, wunderbare Worte, Menschenmengen, Begeisterung. Karfreitag war alles aus. Ostern rätselhaft. Jetzt sind sie wieder daheim am See und alles wie immer, eine Art Katerstimmung, eine Art Montag nach großem Urlaub. Und da muss man eben an Arbeit und Essen denken. „Ich gehe fischen“, sagt Petrus und geht also wieder an die Arbeit als Fischer. Sie plagen sich stundenlang, Netze raus und rein, immer wieder, kein Erfolg. Kein winziges Fischchen. Enttäuscht und müde  geben sie auf. 

Normalität ist anstrengend. Du kochst mühsam ein schönes Essen, aber  die anderen stochern appetitlos im Teller rum. Du hast Spass und Ideen bei der Arbeit und doch sind alle skeptisch. Du vertraust Gott ganz tief, aber deine Kirche bleibt ohne Schwung, fies und müde. usw. usw. In dieser Nacht fingen sie nichts, heißt es hier. Und dass sich etwas ändern kann, dass es mehr gibt, dafür sind sie blind geworden: Sie wussten nicht dass es Jesus war, steht da.
Bis Ostern ankommt am Montag und den anderen stinknormalen Tagen, das braucht lange. Damals und heute. Auferstehung ist oft wie Feiertagsstimmung. Im nächsten Moment: kein Jesus, keine Hoffnung, wenig Lebenskraft. 
Aber hier, meine Lieben, ist das anders!! Jesus, er überrumpelt nicht. Jesus wartet am Ufer und stellt die entscheidende Frage: Habt ihr etwas zu essen? Jesus merkt, dass seinen Freunden alles schiefgegangen ist in dieser Nacht und er spricht genau DAS an! Er will genau das von ihnen, was sie immer tun, aber manchmal einfach nicht hinkriegen. Und dann lenkt Jesus den Blick weg vom ganz Gewöhnlichen, wie es halt schon immer war, wie sie schon immer  gearbeitet hatten. Probiert´s doch mal andersherum. Es gibt doch noch die andere Seite! Es gibt mehr.  Und der Riesenfang, den sie dann machen, dieses Wunder geschieht, WEIL sie nun die andere Seite sehen durch Jesus. Und dann wird im gleichen See, im gleichen Leben, im gleichen  Alltag, wo so vieles gelingt und auch schief geht, ein großer Fang möglich! Auf diese Weise spüren sie Ostern, dass Leben mehr ist, viel mehr. Vieles bleibt, aber es ist doch auch alles anders.
Das, liebe Gemeinde, wünsche ich uns für die Sorgenzeit und für die Schritte der „Normalität“: dieses Vertrauen - in großen Momenten und mehr noch: danach und dazwischen, nachher und morgen und weiter: der lebendige Gott ist dabei und gibt langen Atem und mit ihm wird alles anders. Diese Hoffnung ist systemrelevant!!!

Pfarrer Matthias Dangel